Das ist wie Surfen im Holz

Ein falscher Schnitt, und die Skulptur ist versägt: Beim Holzbildhauersymposium fliegen in Bad Rappenau die Späne durch die Luft -
Einwächiges Symposium in der Fußgängerzone Mit der Motorsäge-

Kunst ist, wenn man's trotzdem macht: Wä;hrend die Musiker des Egerländer-Workshops ihr Freiluft-Konzert am Samstag in Bad Rappenau wegen Regens ausfallen ließen, begannen die vierTeilnehmer des Holzbildhauer-Symposiums in der Fußgängerzone ihre schweißtreibende Arbeit. " Grenzen überschreiten " , lautet das Motto, unter dem eine Woche lang die Künstler Daniel Wagenblast, Konrad Schreyer, Volker Hamann und Siegfried Renz mit Kettensägen dicken Baumstämmen zu Leibe rücken. Es war kalt, es war nass am Samstag, und die meisten Kunstinteressierten blieben deshalb wohl zu Hause. Vor nur wenigen, dafür aber sehr interessierten Zuschauern, machten sich die Holzbildhauer am frühen Nachmittag an die Arbeit. Aggressiver Lärm der Motorsägen, Holzstaub, Benzingestank, fliegende Späne - und doch kein Widerspruch zu der kunstschaffenden Arbeit, die hier verrichtet wird; " Was gibt das denn, wenn's fertig ist", wurde der Stuttgarter Volker Hamann von einem Kurgast gefragt, nachdem er einen wie mit dem Lineal gezogenen Schnitt in seinen Eichenstamm gesetzt hatte. Da galt es, neben der harten körperlichen Arbeit die künstlerischen Aspekte nicht nur umzusetzen, sondern auch zu erklären. Quadratische Hohlformen präpariert Hamann aus dem Holz. Strenge Geometrie im Gegensatz zum Organisch-Ungeregelten des Holzes. Hohlräume im Festkörper.

Die Verneinung des Gegenstands, die in ihm selbst angelegt ist. "Es gibt immer mehrere Wirklichkeiten", sagte Hamann. Für ihn ein Aspekt des Spannungsfeldes zwischen Raum und Nicht-Raum. Zwischen dem Vorhandensein von Grenzen und deren überschreiten. "Die eigenen körperlichen Grenzen werden hier durchaus überschritten " , blickte Hamann auf die nächsten anstrengenden Tage, wenn er wie sein Zeltnachbar Konrad Schleyer bei Wind und Wetter die Kettensäge sich in das Holz fressen lösst. Bei einem HolzhauerSymposium sind kunstsinnig-lässige Plaudereien zwar erwünscht. Aber zunächst einmal wird geschafft. Schreyer arbeitet aus einem Eichenstamm eine Form heraus, die an eine Samenkapsel erinnert. Auch hier das Spiel, der Widerspruch zwischen "Innen"und "Außen". Wie kann eine Kettensäge ein Werkzeug für Künstler sein? Schreyer winkt ab: "Kunst wird immer mit den Mitteln ihrer Zeit gemacht. Michelangelo hätte auch mit einer Flex gearbeitet, wenn es sie damals schon gegeben hätte."

Moderne Technik helfe dem Künstler, sich auf seine Ideen zu konzentrieren: "Man braucht sich nicht um die Maserung des Holzes zu kümmern. Die Säge geht da einfach durch." Eine Arbeit, die dem Stuttgarter Spaß macht. "Mit der Motorsäge - das ist wie Surfen im Holz", beschreibt Schreyer das Schwungvolle seines Schaffens. Und weiß dennoch um die Risiken des flotten Schnitts für das im Entstehen befindliche Kunstwerk: "Einmal versägt - für jmmer verschissen." Daniel Wagenblast aus Schwäbisch Gmünd hingegen arbeitet mit der Elektro-Säge. Seine Skulpturen sind deutlich kleiner, er kann üblicherweise drinnen im Atelier dem Holz zu Leibe rücken. Nach dem Studium der Malerei hat er sich vor zehn Jahren der Holzbildhauerei zugewandt.

Im Bad Rappenauer "Freiluft-Atelier" fertigt er eine Skulpur, die er " Weltenbummler" nennt: Ein Mensch, der auf einer Erdkugel steht. Den Blick über den Horizont hinausgerichtet. In die grenzenlose Unendlichkeit? Ganz ohne Benzingeruch und Motorenlärm lebt auch der ElektroSäger nicht: Wenn es sein Zehn-Stunden-Tag zulässt, braust er mit der Enduro über Straßen und durchs Gelände. Als letzter machte sich am Samstagnachmittag der in Köln lebende Siegfried Renz an die Arbeit. Vier säulenartige Skulpturen will er in Bad Rappenau erschaffen. Hierfür braucht er vier nahezu gleich lange und gleich dicke Baumstämme. zügig arbeiten, ohne einen falschen Schnitt zu tun, ist auch für Ihn als Kettensäger elementar. Der in Backnang geborene Renz bevorzugt Eichenholz, weil es sehr haltbar ist. INFO In dieser Woche werden die vier Holzbildhauer jeden Tag in der Fußgängerzone an ihren Skulpturen die Späne fliegen lassen. Für Diskussionen mit Passanten und Zuschauern stehen sie gerne zur Verfügung. Die Finissage der Werkstatt unter freiem Himmel beginnt am Samstag, 28. April, um 14 Uhr vor dem Rathaus in der Fußgängerzone von Bad Rappenau. Bildunterschriften: Verschiedene Sägen hält Volker Hamann (links) bereit. Bürgermeister Gerd Zimmermann erklärt er gerade die Verwendung von benzolfreiem Benzin. Kraft allein reicht nicht bei der Holzbildhauerei. Einmal falsch angesetzt - und das Kunstwerk ist vielleicht für immer versägt. (Fotos: Rudolf Landauer) Konrad Schreyer lässt die Späne fliegen. Moderne Technik und althergebrachte Kunst sind für den Stuttgarter kein Widerspruch: "Michelangelo hätte auch mit der Flex gearbeitet, wenn es sie damals schon gegeben hätte."

Datum: Montag, 23. April 2001

Quelle: HEILBRONNER STIMME, HOHENLOHER ZEITUNG, KRAICHGAU STIMME
Zeitung für die Region Heilbronn, Franken, Hohenlohe, Kraichgau Nr.93