Die Späne fliegen Künstler mit Kettensäge.
Schreyer sägt Skulpturen

Ohrenbetäubender Lärm. Holzstückchen wirbeln durch die Luft. Um eine Absperrung herum drängen sich die verwunderten Zuschauer vor der Liederhalle. Dahinter: Ein zwei Meter große Stück eines mächtigen Baumstammes und ein beinahe so großer Kerl mit rührender Kettensäge. Keine Szene aus einem Horrorfilm, sondern Kunst. Konrad Schreyer schafft Skulpturen mit der Kettensäge. Bis zu den Knöcheln steht der 24-jährige Stuttgarter in den Sägespänen. Das Bildhauen mit dem ungewöhnlichen Werkzeug ist für ihn "super kraftvoll und voller Freude". Kraft braucht auch er selbst dazu, deshalb muss er regelmäßig Pausen einlegen, Innerhalb von zwei Tagen will er anlässlich der Messe Raumobjekte/ Blickfang sein neuestes Kunstwerk fertig stellen. "Melting Spaces II" soll es heißen, und auf die Verschmelzung zwischen Räumen und Inhalten kommt es dem Studenten der Kunstakademie an."Meine Skulpturen weisen durch ihre Klarheit auf die Unbegrenztheit und Unzerstörbarkeit des Raumes hin", erklärt Schreyer, "dieser steht auch für unseren Geist, denn Formen sind materialisierte Gedanken." Zu dieser Kunstphilosophie gesellt sich bei Schreyer aber das handfeste Werkzeug. Schon mit 14 Jahren hat er angefangen, Skulpturen zu schaffen, und über das Schnitzen kam er zur Kettensäge. "Bildhauerei ist für mich das Werkzeug zum Ausdruck der Jetzt-Zeit. Da ist die Kettensäge schon zeitgemäß", sagt der Künstler lachend und fixiert seine Ohrstäpsel. Wer glaubt, es ginge dabei nur um Grobheiten, täuscht sich. Geradezu filigran schneidet Schreyer hauchdünne Scheibchen vom rohen Holzklotz. Verletzt hat er sich dabei noch nie. Auch dafür hat er eine Erklärung: "Verletzen ist uncool, das macht man einfach nicht." Dafür aber Bildhauer werden - nach seinem Studium möchte er hauptberuflich kettensägen.

Autor: Jörgen Bock